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12.06.2015 Allgemein

Stellenausschreibung: "Menschen mit Zuwanderungsgeschichte" bevorzugt?

„Die Stadtverwaltung Tübingen will Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stärker beteiligen und ist an entsprechenden Bewerbungen besonders interessiert.“ Dieser Passus schmückt seit einiger Zeit Stellenausschreibungen der Stadt Tübingen. Was ist das für Sie: Eine gelungene Integrationsbemühung? Oder Wasser auf die Mühlen von Pegida?

Zwiespältige Formulierung

Die von der Stadt Tübingen gewählten Worte lassen viel Interpreationsspielraum zu. Arbeitsslose denken vielleicht: „Jetzt wird es offensichtlich, dass ‚wir Deutschen‘ überhaupt keine Chance bekommen! Überfremdung!!“

Aktuell sind Stellen für Erzieher und eine Sachbearbeiterstelle ausgeschrieben. Die Stadt suchte vor Kurzem einen Hausmeister. Überall wurde der Passus eingefügt.

Im Vergleich eine andere, gängigere Formel: „Schwerbehinderte Bewerberinnen und Bewerber werden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt.“ Daran stört sich niemand mehr. In der Praxis dürfen sich Behinderte oft wenig darüber freuen. Ein Hausmeister im Rollstuhl oder mit kaputten Schultern würde zwar bevorzugt. Aber wenn das überhaupt praktisch eine Rolle spielt: Faktisch wäre dieser Kandidat viel weniger geeignet, als ein gesunder Bewerber. So bleibt der Vorteil für Schwerbehinderte überschaubar.

Wie ist das mit den Zuwanderern? Ein „Mensch mit Zuwanderungsgeschichte“ (wer ist das überhaupt?) würde bevorzugt, wenn er gleich geeignet wäre. Mit gebrochenem Deutsch allerdings? Keine Chance – dann ist er oder sie nicht „gleich geeignet“. Also ist es doch kein Vorteil, eine Zuwanderungsgeschichte mitzubringen? Und wollen wir doch nur die „Parade-Ausländer“ sehen, denen man ihre Herkunft überhaupt nicht anmerkt? Und die keine Starthilfe mehr brauchen, so dass auch der Passus unangebracht ist?

Andererseits weicht die von der Stadt Tübingen gewählte Formulierung von der bei „Menschen mit Behinderung“ üblichen ab. Sie spricht gar nicht von der Bevorzugung bei gleicher Qualifikation, sondern lässt die Eignung außen vor. Muss man also befürchten, dass Menschen mit Migrationshintergrund in jedem Fall berücksichtigt werden und andere nicht, gleichgültig ob sie den Job wirklich können oder nicht?

Oder geht es nur um die Bewerbungen? So ist eine häufige Wortwahl, die auch die Stadt Tübingen bei Frauen und Männern benutzt: „Wir fordern qualifizierte Frauen (bzw. Männer) besonders zur Bewerbung auf“. Hier ist klarer, dass es um das Einreichen der Bewerbung geht und nicht schon um eine quasi-Einstellungszusage. Und zusätzlich wird hier die Qualifikation erwähnt.

Eigentlich kein schlechter Satz also. Wollte die Stadtverwaltung mit der davon abweichenden Wortwahl in Sachen Integration nur einfach sprachlich variieren? Und ein letzter Gedanke: Geht es eigentlich nur um den Abbau von Integrationsnachteilen oder um eine Bevorzugung der Eingewanderten?

Ihre Meinung? Fragen an Personaler und Bewerber

Nun würde mich interessieren, wie Sie als HR-Mitarbeiter die Sache sehen. Was halten Sie von der Formulierung? Und Sie als Bewerber aus Deutschland, Schwaben, zugewandert oder durch die Zuwanderung der Eltern geprägt: Was denken und fühlen Sie? Schreiben Sie Ihre Meinung gerne ins Kommentarfeld.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

Kommentare zu diesem Beitrag

Claudia Praski  |   12. Juni 2015 um 15:10 Uhr

Liebes Team,

mir gefällt das nicht. „…mit Zuwanderungsgeschichte bevorzugt“ – schade, wenn ich keine Zuwanderungsgeschichte habe aber 100%-ig auf den Job passe. Ist das nicht eine Diskriminierung derer, die eben diese Geschichte nicht mitbringen?
Ich finde es gut, wenn Arbeitgeber im Eingangstext etwas über sich erzählen. Und zwar nicht, „wie breit aufgestellt“ sie sind, sondern zum Beispiel, wie sie Zusammenarbeit organisieren, welche Wertevorstellungen sie haben. Was halten Sie von einer Formulierung, in der das Wort „Diversity“ vorkommt? Das signalisiert mir, dass jeder Mensch gewünscht ist, sofern er die notwendigen Skills mitbringt. Egal ob Mann, Frau, Behindert, oder eben mit Zuwanderungsgeschichte. Ich finde für alle wertschätzender. Auch stellt sich mir die Frage, was im Kopf des Bewerbers mit Zuwanderungsgeschichte vorgehen könnte? Ich würde mir die Fragen stellen, ob ich dann so eine Art „Quotenausländer“ wäre? Oder „warum wollen die mich, in bin doch nur in einem anderen Land aufgewachsen“.
Herzliche Grüße aus Hamburg
Claudia Praski

besucher43  |   19. Juni 2016 um 14:35 Uhr

Mir ist das ein Dorn im Auge.
Eine Mitbewohnerin von mir war Referendarin für Lehramt und hatte türkische Wurzeln.
Ihr wurde bereits im Referendariat zugesichert, dass man ihr im Anschluss – aufgrund ihres Migrationshintergrunds!! (das wurde offen so gesagt) – eine Stelle mit Verbeamtung an der Schule geben werde.
Sie war sowieso sehr geschickt, kam als einzige Referendarin auf die Idee, sich die Miete vom Staat aufgrund geringen Einkommens bezuschussen zu lassen (darauf muss man erst einmal kommen, kein anderer der Referendare war darauf gekommen).
Die anderen ReferendarInnen konnten damals noch nicht mal wissen, ob sie überhaupt je eine feste Stelle bekommen würden.

Das ist eine verkehrte Welt.

Im Studentenwohnheim erlebte ich ähnliches: Überproportional(!) viele Plätze wurden für Ausländer reserviert, weil die es angeblich schwerer auf dem Wohnungsmarkt hätten (aber für ALLE sind die Mieten momentan in großen Städten unbezahlbar, und viele der ausländischen Studenten hatten sogar sehr, sehr zahlungsfähige Eltern im Hintergrund, die mussten sich nie um irgendwas Sorgen machen).

admin  |   19. Juni 2016 um 19:32 Uhr

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Allerdings ging es mir ganz konkret um die Formulierung in der Stellenanzeige.

besucher43  |   19. Juni 2016 um 14:40 Uhr

Warum fördert man nicht generell sozial Schwache?

Was ist mit denen, die „nur“ deutsche Wurzeln haben, aber unter schwierigen Bedingungen welcher Art auch immer aufgewachsen sind?

Es kann ganz verschiedene Ausprägungen haben: HartzIV-Eltern, Krankheit der Eltern oder eines Geschwisterkindes, eigene Krankheit, Schicksalssschläge, ….

Das Problem aktuell, auch mit Pegida und der AfD usw., ist, dass sich niemand um die „normalen“ Schwachen in der Gesellschaft kümmert, jetzt aber alle was für Flüchtlinge und eben Migranten tun und sich dabei fast selber übertreffen in ihrem Erfindungsreichtum.

admin  |   19. Juni 2016 um 19:37 Uhr

Vielen Dank für diesen ergänzenden Gedanken. Das ist wohl grundsätzlich richtig – wir sind hier medien- und aufmerksamkeitsgesteuert. Wo immer die medial-unterstützte Aufmerksamkeit hin fällt, leiden andere Gruppen. Während einer EM lassen sich leider leichter windige Gesetze durch den Bundestag bringen. Und wenn alles in den nahen Osten starrt, wirkt der Ukraine-Krieg wie weggeblasen – ist er aber nicht! In diesem Sinne gilt: Flüchtlinge brauchen Unterstützung. Andere auch.

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