Porträt Christoph Burger
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17.04.2015 Bewerbung

Vorstellungsgespräch: Die Schwächen-Frage

„Und was für Schwächen haben Sie?“ – diese Frage im Vorstellungsgespräch fürchten viele Bewerber mehr als jede andere. Nicht ohne Grund, denn die Antwort ist durchaus knifflig. Hier bekommen Sie Tipps: Wie es geht und wie nicht!

„Ich habe keine Schwächen“ – die Katze im Sack kaufen

Manche meinen, sie könnten sich elegant aus der Affäre ziehen, indem sie schlicht sagen „Ich habe keine Schwächen“. Diese Antwort ist in den Varianten „frech“ oder „verschmitzt bis charmant“ erhältlich. Und ganz sicher ist die charmante Version besser. Aber was ist generell von dieser Antwort, die ja eigentlich keine ist, zu halten?

Es spricht viel dagegen! Hauptsächlich: Sie muten letztlich dem Unternehmen zu, die Katze im Sack zu kaufen. Denn jede und jeder hat Schwächen – die Frage ist nur: Welche? Wenn Sie die Antwort verweigern, weiß das Unternehmen nach wie vor, dass Sie Schwächen haben – wie jeder Mensch. Nur bleibt dann ungewiss, welche es sind. Ihr Angebot ist also wie die sprichwörtliche Katze im Sack. Würden Sie so etwas gerne kaufen? Die meisten Unternehmen nehmen Abstand!

Wer seine Schwächen wirklich nicht kennt, weiß wenig über sich Und das – wir sind jetzt mal vorurteilsbehaftet und urteilen pauschal – spricht für gering ausgeprägte Selbstkritik. Damit mehren Sie die Argumente nicht gerade zu Ihren Gunsten. Und Personalabteilungen urteilen ähnlich. Nicht aus Unvermögen oder mangelnder Fairness, sondern einfach deshalb, weil sie nur wenig über Sie wissen.

Nur wenn Sie um Ihre Schwächen wissen, können Sie gezielt an ihnen arbeiten. Außerdem sorgen Kollegen oder Mitarbeiter dafür, dass die Leistungsdellen ausgeglichen werden.

„Ich esse gerne Schokolade“ – die Finte

In Bewerbungsbüchern wird gerne eine Art Finte empfohlen: Antworten Sie mit einer Schwäche, die beruflich nicht relevant ist. Gerne genommen wird der Hang zur Süßspeise. Oder es werden die Sprachkenntnisse in einer für den Job irrelevanten Sprache herbei zitiert: „Obwohl ich immer in die Türkei in Urlaub fahre, lässt mein Türkisch zu wünschen übrig.“

Die Personaler sind auch nicht dumm und wissen genau, was hier gespielt wird. Es gelten zwar mildernde Umstände, denn Sie sprechen – im besten Fall – eine wirkliche Schwäche an. Aber dass diese bewusst nicht dem beruflichen Feld entstammt, ist Ihren Gesprächspartnern sonnenklar. Für diese Antwort-Version gelten daher ähnliche Kritikpunkte, wie für die zuvor diskutierte Nicht-Antwort.

„Ich bin ungeduldig“ – bekannte Scheinlösung

Die Antwort „Ungeduld“, wie sie auch in Bewerbungsratgebern steht, ist auch nicht viel besser. Wieso wird diese Antwort dann überhaupt empfohlen? Ungeduldige Menschen sind häufig die besten Mitarbeiter. Ihre Ungeduld rührt daher, dass die anderen nicht so schnell und schlau sind und sie daher immer auf die Kollegen warten müssen. Klingt logisch und mag im Einzelfalls so sein. Aber weil diese Antwort eben bekanntermaßen in jedem Ratgber steht, entlarven die Personaler sie sofort. Eben als das, was sie ist: Angelesen und weder persönlich, noch ehrlich.

Eine weitere – ungünstige – Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen und eigentlich nicht zu antworten. Ein aus Sicht von Personalprofis wenig gelungener Versuch, die Gesprächspartner an der Nase herum zu führen.

„Ich habe cholerische Anfälle“ – Schonungslose Offenheit

Sollten Sie daher einfach die Karten auf den Tisch legen und alles ausbreiten, was Ihre Arbeitsergebnisse mindert? Nein, auf keinen Fall. Denn dann werden Sie den Job kaum angeboten bekommen!

Aber die wirklichen Schwächen andeuten? Auch nicht. Um diese Warnung vor zu viel Ehrlichkeit zu verstehen, müssen wir die Kommunikations-Situation analysieren, in der Sie sich befinden. Ein Vorstellungsgespräch ist wie eine Bühne. Ihr Auftritt wird bewertet, das wissen alle Beteiligten. Im Normalfall versucht jeder Bewerber den besten Eindruck zu hinterlassen. Die Personaler und Chefs wissen das und ziehen Ihnen automatisch Pluspunkte ab. Und zählen bei den Schwächen Minuspunkte dazu. Was bedeutet das konkret?

Nehmen wir einmal an, Sie sagen: „Ab und zu regiert bei mir das Chaos. Dann muss ich schon mal länger nach meinen Unterlagen suchen.“ Was denkt dann der Interviewer? „Oh jeh, wenn sie das schon zugibt, sieht es in der Praxis bestimmt schlimm aus. Sie findet am Ende manches überhaupt nicht mehr.“ Obwohl Sie nur die akzeptable Wirklichkeit beschrieben haben („ab und zu“ / „länger“), haben Sie sich durch den automatischen Negativ-Aufschlag geradewegs ins Aus katapultiert.

Nennen Sie daher keinesfalls Ihre wirklichen, jobrelevanten Schwächen, die Sie mit etwas Fantasie bzw. Negativ-Aufschlag zu einem schlechten Mitarbeiter machen. Okay, werden Sie denken, soweit nachvollziehbar – aber was bleibt dann noch?

„Wenig Englisch-Praxis, meine Kündigung“ – Ihre offensichtlichen Schwächen

Nach fast zwanzig Jahren Karriereberatung empfehle ich, die offensichtlichen Schwächen zu thematisieren. Was ist damit gemeint?

Bei der Analyse Ihres Profils fällt der Personalabteilung in der Regel das eine oder andere auf. Beispielsweise denken die Personaler bei Sichtung Ihrer Unterlagen: „Die hat die letzten Jahre bei einem urdeutschen Unternehmen gearbeitet – sicher sind ihre Englisch-Kenntnisse eingerostet“. Oder: „Er wurde gekündigt – schlecht!“.

Wie wirkt es, wenn Sie diese Schwächen aufgreifen? Zunächst: Selbstkritisch – also positiv. Außerdem können sie gezielt Argumente für sich dort liefern, wo Ihr Profil eine Macke aufweist. Beispielsweise so: „Die letzten Jahre brauchte ich Job kein Englisch. Deshalb habe ich jetzt einen Sprachkurs gebucht und fahre demnächst nach Schottland“. Oder so: „Meine Kündigung erfolgte zwar betriebsbedingt, aber ich begreife sie durchaus als persönliche Niederlage. Im Nachhinein sage ich mir, dass ich die Vorzeichen des Personalabbaus hätte früher erkennen und entsprechend reagieren sollen.“ Auch hier gilt es wieder, das Positive nachzuschieben: „Dafür konnte ich mich während der letzten Monate eine aktuelle und umfassende Qualifikation in xy aneignen, da wäre ich im Job nicht dazu gekommen.“

Ihre Gesprächspartner sind – zu Recht – davon überzeugt, dass Sie erstens ehrlich geantwortet haben und zweitens ein Typ sind, der seine Schwächen kennt und an ihnen arbeitet. Wenn Sie noch einen drauf setzen wollen, fragen Sie am Ende des Gesprächs, wie Sie sich noch auf den Job vorbereiten können. Vielleicht bietet Ihnen das Unternehmen sogar seinerseits eine entsprechende Schulung an. In jedem Fall lösen Sie die furchteinflößende Schwächen-Frage nun mit Bravour.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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