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29.12.2015 Karriere

Berufsabschluss nachholen? Vier entscheidende Fragen

Haben Sie keinen Berufsabschluss oder Ihren Beruf über viele Jahre hinweg nicht ausgeübt? Dann überlegen Sie vielleicht, ob Sie einen neuen Berufsabschluss erwerben sollten. Klären Sie in vier Fragen, ob dies der passende Weg für Sie ist.

Wieso sollte ich einen Beruf lernen?

Wer sich jung und fit fühlt, rechnet auch ohne großen Zeit- und Lernaufwand damit, eine neue Arbeitsstelle zu finden – häufig zu Recht. Es gibt zwei entscheidende Gründe dafür, eine Umschulung zu machen.

Erstens: Sie werden eher seltener arbeitslos sein.

Die allgemeine Arbeitslosigkeit nach Bildungsstand zeigt folgende Grafik

 

 

 

 

 

 

 

 

(Quelle:Weber, Brigitte; Weber, Enzo (2013): Qualifikation und Arbeitsmarkt: Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. (IAB-Kurzbericht, 04/2013), Nürnberg.)

Es ist klar zu erkennen, dass mit sinkender Bildung das Risiko, arbeitslos zu werden, dramatisch zunimmt. Jeder Zwanzigste mit Berufsabschluss (blaue Kurve) ist arbeitslos. Aber jeder Fünfte ohne Berufsabschluss (orangenfarbene Kurve)! Würde in dieser Grafik das Alter einbezogen, man sähe sicher eine stark erhöhte Arbeitslosigkeit bei unqualifizierten Älteren. Das beste Argument für eine Einstellung, besonders von Älteren, ist deren Bildung.

Ganz konkret hat dies das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gerade untersucht. Der Ansatz: Es wurden sogenannte „statistische Zwillinge“ gebildet und verglichen. Darunter versteht man zwei Personen, die sich in wesentlichen Merkmalen (Alter, Geschlecht etc.) gleichen. Die sich jedoch in einem wesentlichen Punkt unterscheiden: Die einen haben eine Umschulung gemacht, die anderen nicht. Folgende Grafik bildet den Effekt ab: Je höher der farbige Kreis liegt, desto positiver ist der Effekt der Umschulung.Kruppe, Thomas; Lang, Julia (2015): Weiterbildungen mit Berufsabschluss: Arbeitslose profitieren von Qualifizierungen. (IAB-Kurzbericht, 22/2015), Nürnberg.Kruppe, Thomas; Lang, Julia (2015): Weiterbildungen mit Berufsabschluss: Arbeitslose profitieren von Qualifizierungen. (IAB-Kurzbericht, 22/2015), Nürnberg.

Beispiel: Kaufmännische Büroberufe bringen bei Männern z.B. 10 Prozent Beschäftigungseffekt, bei Frauen zwanzig Prozent. Über alle Berufe hinweg liegt die Wahrscheinlichkeit, einen festen Job zu haben, für Frauen 20 Prozent höher als ohne Umschulung. Bei Männern liegt der Effekt bei 12 Prozent. Zugleich ist in dieser Grafik zu sehen, wie hoch die Arbeitslosenquote im jeweiligen Beruf allgemein ist (also z.B. für Männer in Verkehrsberufen bundesweit circa 11 Prozent, bei Frauen in Gesundheitsberufen knapp 5 Prozent – x-Achse).

Zweitens: Gut Gebildete verdienen mehr

Unten stehender Grafik kann man klar entnehmen, was Bildung finanziell bringt. Wenn Sie beispielsweise im Alter von 35 Jahren eine Umschulung machen, können Sie mit circa 150.000 Euro Mehrverdienst in den nächsten Jahrzehnten rechnen. Bildung wirft sogar eine höhere Rendite ab, als alle anderen Anlagen (wie z.B. Aktien, Gold, Immobilien …).

Schmillen, Achim; Stüber, Heiko (2014): Lebensverdienste nach Qualifikation: Bildung lohnt sich ein Leben lang. (IAB-Kurzbericht, 01/2014), Nürnberg.

Schmillen, Achim; Stüber, Heiko (2014): Lebensverdienste nach Qualifikation: Bildung lohnt sich ein Leben lang. (IAB-Kurzbericht, 01/2014), Nürnberg.

 

 

 

 

 

 

 

Betrieblich oder überbetrieblich?

Wenn Sie diese Argumente überzeugen, müssen Sie ein paar grundsätzliche Dinge wissen. Zunächst: Die korrekte Bezeichnung für das, was sie vorhaben, ist „Umschulung“. („Ausbildung“ heißt dagegen die Ausbildung nach der Schule. Würde es sich nur um eine mehrmonatige Qualifizierung handeln, spräche man von „Weiterbildung“.)

Betriebliche Ausbildungen und Umschulungen finden in Unternehmen statt. Spätere Arbeitslosigkeit ist daher meist kein Thema, da Sie der jeweilige Betrieb später einstellt. Sie haben die Wahl aus rund 340 anerkannten Ausbildungsberufen – Sie müssen „nur“ den betreffenden Ausbildungsbetrieb finden. Für geförderte Umschulungen gilt immer: Die normale Ausbildungzeit ist verkürzt (um ein Drittel). Hier gibt es spezielle Förderprogramme der Agentur für Arbeit. Die höchste Hürde ist aber in der Praxis, einen Betrieb zu finden, der sich auf eine verkürzte Form der Ausbildung und Ihr möglicherweise „fortgeschrittenes“ Alter einlässt. Die Berufsschule wird dann mit (sehr jungen) Schulabgängern gemeinsam besucht.

Sogenannte „überbetriebliche Umschulungen“ werden bei Bildungsträgern angeboten. Dort erlernen Sie die Theorie. Und in Kooperationsbetrieben schnuppern Sie in die Praxis hinein. Ihre Mitschüler sind häufig zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Angeboten wird nur ein schmales Spektrum an – gewöhnlich gefragten – Berufen. Der Hauptgrund dafür war früher, dass der Bildungsträger immer eine Klasse zusammen bekommen musste, um kostendeckend arbeiten zu können. Heute findet vieles per Fernlernen statt, so dass mehr Berufsbilder angeboten werden können. Dennoch ist eine gewisse Kompetenz beim Bildungsträger vor Ort erforderlich, was die Wahlmöglichkeiten für Sie einschränkt.

Für Kostenträger wie die Agentur für Arbeit ist die betriebliche Umschulung deutlich billiger, als die überbetriebliche. Es ist jedoch für die meisten Bewerber schwer, einen Betrieb für das Umschulungsvorhaben zu gewinnen. Wem dies jedoch gelingt, der hat ein gutes Argument für die Finanzierung auf seiner Seite.

Vier entscheidende Fragen

Überzeugen Sie die Argumente? Weniger Arbeitslosigkeit, mehr Lohn? Wenn dies der Fall ist, freue ich mich. Denn ich bin davon überzeugt, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Dennoch kann ich Ihnen nicht unumschränkt zur Umschulung raten, sondern nur, wen Sie unten stehenden entscheidenden Fragen zustimmen.

Eine Umschulung bedeutet, sich wieder in die Schüler-Rolle zu begeben. Wie früher gibt es Mitschüler, Lehrer, Lernstoff, Prüfungen. Das wird ein wenig anders genannt bei Erwachsenen, aber um Ihnen eine Vorstellung zu geben, was auf Sie zukommt, sind die altbekannten Rollen und Begriffe nützlich. Denn im Kern geht es genau darum.

Wenn Sie in einer Gruppe bei einem Dozenten oder einer Dozentin lernen, wird es wie früher einen Klassenclown und einen Streber geben. Prüfungen werden von den Dozenten mehr oder weniger gut vorbereitet werden und die Leistungsbeurteilungen mehr oder weniger gerecht ausfallen. Beim Fernlernen gibt es Entsprechendes. Nur wer das alles akzeptiert und trotzdem Lust aufs Lernen hat, ist in einer Umschulung richtig. Eine reine Zweckorientierung auf die bessere Perspektive nach der Umschulung trägt Sie keinesfalls über zwei Jahre Lernzeit.

Auch das Kriterium „Einkommen“ ist hart. Die Finanzierung muss ausreichen für die gesamte Zeit der Umschulung. Außer dem genannten Anteil des letzten Netto-Einkommens (60 Prozent ohne, 67 % mit Kinder) bekommen Sie von der Arbeitsagentur nur noch das Fahrtgeld gestellt. Und das muss reichen.

Zuletzt: Wenn Sie die Umschulung beendet haben, werden Sie nur noch 30 Tage Arbeitslosengeld bekommen. Danach haben Sie keine Ansprüche an die Arbeitsagentur mehr (Bedürftigkeit nach Hartz 4 / Arbeitslosengeld II ausgenommen). Das bedeutet: Sie müssen während der Umschulung, ausgerechnet während der heißen Prüfungsphase, nach einem Job suchen. Diese Aufgabe kann ganz leicht von der Hand gehen. Besonders dann, wenn Sie schon zuvor richtig aufgepasst haben: Bei der Wahl des Kooperationsbetriebs. Signalisiert dieser schon bei Ihrer Bewerbung ums Praktikum Interesse an Ihrer Einstellung, haben Sie gute Voraussetzungen. Andernfalls oder wenn sich entgegen der Aussagen zuvor dort die Planungen geändert haben und kein Arbeitsplatz zur Verfügung steht, müssen Sie sich bewerben. Es ist zwar davon auszugehen, dass Sie Ihr Bildungsträger unterstützt und auch über relevante Kontakte vor Ort verfügt. Dennoch bleibt ein gewisses Risiko, dass Sie zunächst arbeitslos bleiben – und das auch noch ohne Arbeitslosengeld.

Bevor Sie sich entscheiden: Sprechen Sie ausführlich mit den Vermittlern der Arbeitsagentur, mit den Vertretern des Bildungsträgers und aktuellen wie ehemaligen Umschülern. Machen Sie sich vor Ort selbst ein Bild. Dann wissen Sie, was auf Sie zukommt. Wenn Sie dann alle vier Fragen mit „ja“ beantworten können, treffen Sie eine fundierte Entscheidung in eigener Sache.

 

Link: Beruf aktuell 2015/2016 mit Beschreibung aller Berufe und Tipps zur weiteren Information

Anmerkung: Da ich kein Jurist bin, garantiere ich nicht im rechtlichen Sinn für die hier getroffenen Aussagen. Bitte informieren Sie sich jeweils vor Ort in Bezug auf die Fördermöglichkeiten.

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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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