Fachkräftemangel ist, wenn keiner den Job machen will

Für Fachkräfte angebotene Arbeitsstellen können immer öfter nicht besetzt werden. Dann heißt es schnell: “Fachkräftemangel!” Häufig gäbe es indessen geeignete Fachleute. Sie wollen nur nicht.  Fachkräftemangel ist manchmal einfach, wenn keiner den Job machen will.

Werdet Handwerker – wer will das?

Die geschätzte Kollegin Svenja Hofert hat im Karrierespiegel und auf ihrer Website über die verzerrte Wahrnehmung in punkto Fachkräftemangel geschrieben. Die Tendenz ihres Artikels: Fachkräftemangel heißt nicht Akademikermangel. Stattdessen sollte man eher Handwerker oder Techniker werden. Teils richtig, teils überspitzt ausgedrückt. Wer eine Diskussion anstoßen will, darf zuspitzen. An zwei Beispielen möchte ich jedoch verdeutlichen, wo ich trotzdem ein Problem sehe.

Techniker: Leicht überspezialisiert

Vor kurzem hatte ich hier schon auf ein Problem der Techniker hingewiesen. Allzu leicht geraten sie in die  Sackgasse der Spezialisierung. Wer beispielsweise einen guten Job bei einer guten Firma macht und dabei, sagen wir, Waschmaschinen entwickelt, bleibt im Job solange es geht. Alles passt doch, oder? Mit der Zeit wird er jedoch immer mehr auf sein Produkt spezialisiert. Sollte das Unternehmen seinen Standort schließen und an einem anderen Platz auf der Welt Waschmaschinen entwickeln, sieht es düster aus, wenn man z.B. in Stuttgart sitzt. In der Region Stuttgart werden nunmal vorwiegend Autoteile entwickelt – ganz bestimmt keine Waschmaschinen.

Wer nun meint, das Beispiel sei etwas zu besonders: Sie können für das Wort “Waschmaschinen” etwas fast beliebig anderes einsetzen. Vor einigen Monaten suchte ich z.B. nach Einsatzmöglichkeiten für Autointerieur-Entwickler. Genauer: Autohimmel und ähnliches Textil. Porsche fahndet ständig nach Entwicklern fürs Interieur. Aber da geht es um die Innenseite der Türen oder der Front, also um Holz und Kunststoff, nicht um Stoffe. Das passt aus Sicht des heutigen Arbeitsmarktes nicht zusammen.

Handwerker: Wer will Schlitze klopfen?

Svenja Hofert schreibt in ihrem oben genannten Spiegel-Artikel: Auch Gymnasiasten “würden vielleicht als Elektroinstallateur viel glücklicher werden, wenn sie nicht ihr Schulleben lang auf andere Berufe und andere Zukunftsperspektiven getrimmt würden. Und Statusdenken keine so starke Rolle spielte.” Natürlich plädiert sie völlig zu Recht dafür, den Blick zu weiten. Das ist allgemein immer wichtig. Aber andererseits, ganz konkret: Ich habe in nunmehr 18 Jahren Bewerbungs- und Karriereberatung einige Dutzend Elektroinstallateure auf Arbeitssuche getroffen. Davon wollte ungefähr einer seinen Beruf auf dem Bau ausüben. Die anderen nicht.

Genauso im Elektro-Helferbereich: Ich traf hunderte Menschen, die als Elektroinstallateur-Helfer hätten arbeiten können. Keiner wollte das.

Warum? Als Helfer stehen Sie auf einem Bau im Staub und Lärm und klopfen Schlitze. Als Elektroinstallateur ist die Arbeit etwas schicker. Aber Sie stehen auf dem Bau im Staub und Lärm und schrauben an Dosen herum. Häufig genug ist es kalt und der Verdienst ist bescheiden. Kein Mensch, der je in der Industrie gutes Geld verdient hat, will so etwas machen.

Fachkräftemangel Heizungs- und Klimatechnik

Und wenn wir gerade bei den Gewerken sind: In 18 Jahren habe ich noch nie einen ausgebildeten arbeitslosen Heizungs- und Klimatechniker mit Führerschein getroffen. Wenn die Leute in ihrem Beruf arbeiten wollen, sind sie nicht arbeitslos. Bei Heizungsbauern ist es leiser, als bei den Elektrikern. Aber in Rohbauten ist es auf jeden Fall so kalt. Denn der Bau verfügt über keine Wärmequelle, die wird ja erst eingebaut. Wer je einmal als Bauherr in einem Rohbau im Winter eine Stunde auf seinen Architekten gewartet hat, weiß wovon ich rede: Man bekommt einen gehörigen Respekt vor den Handwerkern, die solche Arbeitsbedingungen aushalten.

Und wenn im bestehenden Gebäude einmal die Toilette verstopft ist, wirds wärmer für die Sanitärfachkraft, aber nicht unbedingt angenehmer.

Werdet Handwerker!

Ganz klar: Bitte, werdet Handwerker! Wir brauchen euch! Wir brauchen v.a. gute Handwerker dringend. Und die Branche bietet wunderbare Entwicklungsmöglichkeiten. Man verdient schnell eigenes Geld, der Job ist sicher. Man kann Meister werden, sich selbständig machen, einen Betrieb übernehmen. Das erworbene Know-how ist vielseitig und flexibel einsetzbar.

Fachkräftemangel ist, wenn keiner den Job machen will

Nun führen wir beides zusammen. Erstens: Es gibt tatsächlich dort einen Fachkräftemangel, wo er in der Regel nicht vermutet wird. Beispielsweise eher bei den Handwerkern, als bei den Akademikern. Zweitens: Häufig hat es gute Gründe, dass es genau dort einen Fachkräftemangel gibt. Die Jobs will ganz einfach keiner machen!

Der Bewerber – das zerissene Wesen. Die meisten wollen einen sicheren Job. Aber viele Jobs mit ausgezeichneten Chancen, lehnen sie ab. Und manche von ihnen beklagen sich anschließend über den Arbeitsmarkt. Ich finde es verständlich, wenn einer bestimmte Arbeitsbedingungen nicht möchte. Das ist allerdings auch eine Frage der Alternative. Hat er sie? Auf jeden Fall gilt aus Sicht des einzelnen die Regel: Der Arbeitsmarkt ist, wie er ist. Der einzelne kann sich nur dazu verhalten.

Karriereberatung schafft Übersicht

Wer nun meint, alles sei hoffnungslos schwierig, der mache zweierlei. Erstens verabschiede er sich vom Schwarz-Weiß-Denken. “Es gibt einfach keine guten Jobs auf dem Markt” wäre so eine schwarze Aussage. Zweitens recherchiere er das in Frage kommende Feld. Und lasse sich gegebenenfalls von professioneller Seite helfen. Trotz meiner Kritik an Svenja Hoferts Artikeln ist sie eine der besten Adressen dafür. Und sollte Ihnen  einer ausgerechnet zum Elektroinstallateur raten – überprüfen Sie diesen Tipp. Genauso wie Sie alle anderen Tipps abwägen sollten, auch wenn sie von Karriereprofis kommen. Denn Sie müssen den Job dann später machen.

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